Offene Klangräume auf dem Elbjazz

Hamburg, Hafen, musikalische Weiten – mehr als 50 Bands traten beim 9. Elbjazzfestival am 31. Mai und 1. Juni 2019 auf. Das Michael Wollny Trio stand gleich mehrmals auf der Bühne: analog und virtuell.

Im warmen Licht der Abendsonne, die das Gelände der Schiffswerft Blohm + Voss in ein sanft leuchtendes Orange taucht, warten auf der von Hafenkränen und backsteinroten Containern umgebenen Hauptbühne des ELBJAZZ-Festivals, ein Klavier, ein Kontrabass und ein Schlagzeug auf ihre Musiker. Es ist kurz nach 21 Uhr als der Jazzpianist Michael Wollny und seine Bandkollegen, der Schweizer Kontrabassist Christian Weber und der Berliner Jazz-Schlagzeuger Eric Schaefer, die Bühne betreten. „Hallo Hamburg, Hallo Elbjazz“, begrüßt Wollny das Publikum und erinnert sich an seinen ursprünglich geplanten Auftritt im vergangenen Jahr. „Selten waren meine Schuhe so sauber, wie nach dem letzten Elbjazz“, sagt Wollny. Damals fiel sein Auftritt wegen eines heftigen Unwetters aus.

Punk im Jazz

Virtuos, energisch und mit vollem Körpereinsatz eröffnet der 41-Jährige das Konzert an diesem Abend mit dem Titel „Wasted and Wanted“. „Wir wollen den Punk im Jazz“, hat Wollny einmal gesagt. Worte, die an diesem Freitagabend Musik werden. Aber auch entschleunigte Klänge wie im Stück „White Moon“, einer Komposition des deutschen Jazzmusikers Chris Beier, sendet das Michael Wollny Trio gekonnt in die Hamburger Musiknacht. Zurück schwingt die positive Resonanz des Publikums. Lasse Siegel, ein Rettungsingenieur aus der Nähe von Hamburg, hat den deutschen Jazzpianisten schon öfter live gesehen und sagt: „Was Wollny mit seiner Musik an Emotionen aufgreifen kann, wie er Schnelligkeit und Langsamkeit verbindet, das ist wirklich grandios und berührt mich immer wieder.“

Bereits im Alter von fünf Jahren spielte Wollny Klavier und Geige, heute ist er achtfacher Jazz-Echo-Preisträger und gilt als einer der wichtigsten europäischen Jazzmusiker seiner Generation.

Neben Headlinern wie Michael Wollny oder Jamie Cullum, sind beim neunten Elbjazz-Festival auch musikalische Neuentdeckungen vertreten. So zum Beispiel das Londoner Afrobeat-Kollektiv Kokoroko, das Dresdner Duo Ätna und die niederländische Band Altin Gün, die eine Mischung aus Funk, türkischer Volksmusik und psychedelischem Rock spielt.

Digitale Doppelgänger

Musikalische Offenheit, ein kreativer Geist und große Experimentierfreude prägen das Elbjazz-Festival von Beginn an. Eigenschaften, die auch für Michael Wollny entscheidend sind: „Wir versuchen mit unserer Musik immer offen für Neues zu sein, unterschiedliche Sachen zu machen und andere Realitäten zu schaffen.“ In Kooperation mit dem Elbjazz, der Hamburger Volksbank als Festival-Hauptförderer und dem Start-up Noys VR hat das Michael Wollny Trio im Vorfeld ein virtuelles Konzert produziert, das an diesem Abend Premiere hat.
Wollny und seine Bandkollegen stehen vor einer großen Leinwand. Sie tragen Kopfhörer und eine schwarze VR-Brille. In den Händen halten sie zwei Controller. Vorsichtig bewegen sie sich über den orangefarbenen Teppich des Virtual Reality-Stands der Hamburger Volksbank in der Schiffbauhalle. Im digitalen Raum befindet sich das Trio gerade auf dem Bug eines Containerschiffs inmitten einer Fantasie-Werft und steht sich selbst zum ersten Mal auf einer virtuellen Konzertbühne gegenüber. Mit verschiedenen Tools schwenken sie Feuerzeuge, klatschen oder zeichnen mit einem Stift dreidimensionale Feuerwerke in die Luft.

Ich bin völlig geflasht davon, mich selbst spielen zu sehen

„Ich bin völlig geflasht davon, mich selbst spielen zu sehen“, sagt Wollny. Der Schlagzeuger Eric Schaefer findet: „Die plastische Wirkung ist beeindruckend. Ich war anfangs skeptisch, aber das VR-Konzert ist die perfekte Illusion. Sogar der Klang verändert sich, wenn man sich bewegt.“ Für Start-up Mitgründer und Motion Designer Jörg Kahlhöfer und seine Kolleginnen und Kollegen ist das ein spannender Moment: „Es ist immer schön zu sehen, wenn die Welt, die man selbst gebaut hat, andere Menschen in Staunen versetzt.“ Kahlhöfer ist, genau wie die anderen Noys VR-Gründer, Musiker und spielt Schlagzeug seit er sechs Jahre alt ist. „Wir wollen Künstlerinnen und Künstlern eine Möglichkeit geben, ihre Kreativität zu zeigen und neue Formate für die Inszenierung ihrer Musik zu schaffen. Dabei verstehen wir uns als digitale Ergänzung zum Live-Konzert“, so Kahlhöfer.

Virtuelle Offenheit

In Kürze wird es die VR-Konzerte laut Kahlhöfer auch im Live-Stream geben. Zudem soll eine Plattform entstehen, auf der Bands und 3D-Artists zusammenfinden und VR-Konzerte per Baukastenprinzip kreiert werden können. Die Experimentierfreude der Jazzmusiker begeistert den Gründer sehr: „Viele unserer Kunden kommen aus dem Jazzbereich. Dort herrscht eine große Offenheit gegenüber neuen Darstellungsformaten von Live-Musik.“ Eine Entwicklung mit Zukunftspotenzial. Dr. Reiner Brüggestrat, Vorstandssprecher der Hamburger Volksbank sagt: „Virtual Reality schafft einen neuen Zugang zum Jazz und hat das Potenzial, auch jüngere Menschen für dieses Genre zu begeistern.“

Während in der virtuellen Werft noch konfettibuntes 3D-Feuerwerk den Nachthimmel erhellt, nähert sich der erste Festivaltag in der analogen Welt dem Ende. Draußen funkeln silber-glitzernde Discokugeln an den bunt erleuchteten Hafenkränen und werfen ihre Lichtreflexionen an die Blohm + Voss-Fassaden. Das Michael Wollny Trio macht sich auf den Weg zurück zur Hauptbühne. Sie wollen den zweiten Headliner dieses Abends sehen: Jamie Cullum.

Das VR-Konzert des Michael Wollny Trios wird in Kürze kostenlos über die NOYS-VR-App im Oculus Store verfügbar sein.