Voll in seinem Element: Pianist Michael Wollny (Foto: Christoph Eisenmenger)

Interview mit Michael Wollny: „Beeindruckende Dimension“

Der experimentierfreudige Pianist Michael Wollny über seinen Auftritt beim Elbjazz-Festival und seine Erfahrungen mit Virtual Reality.

Für die Süddeutsche Zeitung haben Sie im vergangenen Jahr einen Text zum Thema Improvisation geschrieben. Darin erzählen Sie von einem inneren Raum, in dem Sie akustische Erinnerungen und Erfahrungen sammeln, auf die Sie beim Spielen zurückgreifen. Das Spielen selbst beschreiben Sie als Spaziergang. Welche Motive oder Erinnerungen haben Sie bei Ihrem Konzert auf dem Elbjazz-Festival inspiriert?
Michael Wollny: Beim Elbjazz steht man auch als Musiker erstmal unter dem Einfluss der außergewöhnlichen Kulissen – der Blick von der Hauptbühne aufs Festivalgelände ist großartig, und die Werftanlage hat eine beeindruckende Dimension. In unserem Fall hat sich diese ganze Atmosphäre auch deshalb nochmal besonders angefühlt, weil wir ja bereits im Vorjahr auf der Bühne spielen sollten, aber nur bis zur Hinterbühne kamen, bevor ein heftiges Unwetter das ganze Festival unterbrochen hat und unser Auftritt abgesagt werden musste. Wir hatten insofern also ein extra Jahr lang Zeit uns auf unseren Auftritt zu freuen …

Im Vorfeld des Elbjazz haben Sie mit dem Michael Wollny-Trio ein Konzert eingespielt, das sich die Festivalbesucher*innen mit einer Virtual-Reality-Brille anschauen konnten. Was war Ihre Motivation, dieses Konzertformat zu wählen?
Wollny: Die Anfrage kam über das Festival, und da ich bislang kaum Berührungspunkte mit Virtual Reality hatte, hat mich das einfach interessiert. Ich dachte, es muss interessant sein, unsere durch und durch „analoge“ Musik in einen komplett virtuellen Raum zu stellen. Was passiert da mit unserer Musik?

Welche Rolle könnten digitale Technologien wie Virtual Reality in Zukunft für den Jazz spielen? Und welche konkreten Möglichkeiten sehen Sie darin für die Inszenierung Ihrer Musik?
Wollny: Für einen Außenstehenden wie mich ist es zunächst mal beeindruckend, mit welch großer Geschwindigkeit sich diese Technologie entwickelt. Dabei glaube ich nicht, dass eine Virtual-Reality-Performance jemals eine wirkliche Konkurrenz zu einem Konzert werden wird – so ist sie ja auch gar nicht gedacht. Aber in der virtuellen Welt sind andere Dinge möglich, die ein Konzertbesucher nicht realisieren kann: etwa sehr nah an die Musiker heranzukommen und ihnen im wahrsten Sinn des Wortes „über die Schulter blicken“. Ich bin ehrlich gesagt selbst gespannt, wie Jazz – eine Musik, die vom Moment und von der Unwiederholbarkeit einzelner Augenblicke lebt – sich in einer solchen Umgebung entwickelt.

Die Frage zielt ja vor allem in die erweiterten Möglichkeiten der Rezeption oder Inszenierung von improvisierter Musik. Da bin ich zurzeit noch ein bisschen skeptisch, oder auch einfach altmodisch …. Ich frage mich seit dem Dreh aber vor allem, ob es in ein paar Jahren Virtual-Reality-Apps für Komponisten geben wird, die ähnlich wie Notationsprogramme von heute, bestimmte wirklich neue Zugriffe auf den Prozess des Schreibens und Arrangierens erlauben. Oder für Instrumentalisten ganz neue Formen des Musizierens eröffnen, so wie es bestimmte elektronische oder digitale Instrumente heute schon tun. Dann könnte Virtual Reality für die Musikproduktion eine ähnliche Revolution anstoßen wie beispielsweise der Sampler vor einigen Jahrzehnten – ich denke, dass sich da noch eine ganze Menge tun wird.

Experimentierfreude scheint ein wesentlicher Bestandteil Ihrer Musik zu sein. Welche persönlichen Eigenschaften ermöglichen Ihnen Ihr Improvisationstalent?
Wollny: Das ist einfach: Neugierde. Und ein Urvertrauen in meine Umgebung, das sich immer wieder erneuert, wenn sich ein Risiko gelohnt hat.

In einem Interview erwähnten Sie Absichtslosigkeit als eines der wesentlichen Elemente der Improvisation. Hat Improvisation für Sie auch einen meditativen, spirituellen Aspekt?
Wollny: Das sind ja keine getrennten Dinge. Wer sich in den Moment versenkt, löst sich ja auch vom Drang, Dinge unter Kontrolle zu haben. Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich erst dann anfange wirklich Musik zu machen, wenn ich mich komplett von allen Erwartungen befreie, die ich im Vorfeld an das Konzert hatte. Wenn dieser Vorgang gelingt, ist das für mich tatsächlich ein spirituelles Erlebnis. Das Ego löst sich auf, und etwas Anderes übernimmt.

Im Juni erschien „Das Wollny Alphabet“. Wie haben Sie den Entstehungsprozess des Buches erlebt, was war daran besonders?
Wollny: Es war eine große Improvisation über ein Leadsheet aus Reizwörtern. Wir haben uns an einem Nachmittag getroffen und ich habe in sechs Stunden auf alle Begriffe geantwortet. Einerseits ein Mammutprojekt, andererseits auch eine Momentaufnahme von verschiedenen Assoziationen zu unterschiedlichsten Themen. Es hat riesig Spaß gemacht, und mich dazu gebracht, mir selbst ein paar große und kleine Themen spontan selbst bewusst zu machen.

Welcher ist Ihr Lieblingsbegriff aus diesem Buch?
Wollny: Sehr schwierig. Jetzt gerade würde ich sagen: ich mochte den Begriff „Regenwand“ sehr, weil er eine Erinnerung an den großen Walter Quintus zurückbrachte.

Zu den Einflüssen Ihrer Musik zählen unter anderen Björk und David Lynch. Was fasziniert Sie konkret an diesen beiden?
Wollny: Björk: eine Stimme aus einer anderen Welt, irgendetwas zwischen Folklore, Techno, Pop, Avantgarde und Design. Ohne sie wäre Popgeschichte anders verlaufen. David Lynch: ein Universalgenie. Er kann schreiben, inszenieren, malen, tischlern, filmen, singen, Gitarre spielen oder einfach nur eine Zigarette rauchen, es ist immer unverkennbar und unzerstörbar David Lynch. Bis vor kurzem dachte ich noch, ich könnte etwas lernen, indem ich seine Filme analysiere. Heute denke ich: man muss sich das einfach nur ansehen. Und dann irgendetwas anderes analysieren. Der Lynch-Effekt widersetzt sich der Analyse, genauso wie ein gutes Solo einer konkreten Absicht. Es gibt einige Filmemacher, die versuchen so surreal, schön, unheimlich oder cool zu sein wie David Lynch. Da kann man dann analysieren, woran sie sich orientiert haben. Bei Lynch bleibt das letztlich immer ein Geheimnis.

Auf welche Weise spiegelt sich der interdisziplinäre Charakter dieser Einflüsse in Ihrer Musik wider?
Wollny: Je mehr ich darüber nachdenken soll, desto unklarer wird mir das. Vielleicht fasziniert mich letztlich immer eher etwas von vorneherein Unerreichbares. Je ferner mir die Dinge sind, desto größer erstmal das Interesse. Ich glaube, dass ich auf diese Weise immer mit neuen paradoxen Zutaten kämpfen muss, und das bewahrt mich – vielleicht, hoffentlich – davor, ganz genau zu wissen, was ich da tue. Ich habe keine Ahnung vom Filmemachen, aber ein Schnitt wie der Sonnenaufgang in Lawrence of Arabia, oder die Fahrt in die Atombombe in der letzten Twin-Peaks-Staffel sind für mich musikalische Ereignisse. Zumindest kann ich sie mir nicht durch Sprache oder Notation erklären. Und das ist für mich die höchste Inspiration: mit der Vorlage niemals vollständig fertig zu werden.

Der Termin für das nächste Elbjazz steht bereits fest: 5. und 6. Juni 2020. Es ist zugleich das zehnjährige Jubiläum des Festivals – da darf die Hamburger Volksbank als Sponsor nicht fehlen.

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